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Hintergrundbild Epoche

Hans - ein jüdischer Junge


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Das bin ich bei meiner Einschlung, das ist schon ein paar Jahre her.

Mein Name ist Hans und ich wohne mit meiner Familie in einem schönen Einfamilienhaus in Berlin. Eines Tages kamen schwarz gekleidete Männer und bemalten unser Haus. Da stand: "Juden raus!" Ich wusste gar nicht so genau, was Juden sind und mein Vater sagte mir nur, ich sei Halbjude. Ich fand das komisch, denn irgendwie fühlte ich mich ja ganz und jetzt sollte ich nur "halb" sein? Aber mein Vater erklärte mir, dass man so die Juden nannte, von denen eben ein Elternteil Jude sei wie er und der andere Elternteil nicht, so wie meine Mutter. Ich selbst bin evangelisch erzogen und deshalb war das für mich und meine Familie kein Thema. Für meinen Vater auch nicht. Mein Vater war ein bekannter Schauspieler, aber er durfte nicht mehr in seinem Beruf arbeiten, obwohl er schon Filmpreise bekommen hatte. Jüdische Schauspieler waren nicht mehr erwünscht. So hat er als Versicherungsvertreter gearbeitet und irgendwann durfte er selbst das nicht mehr und musste sich verstecken.

Bald wohnten in unserem Viertel immer mehr SS-Leute. Die Juden, die vorher die Häuser bewohnt hatten, sind von einem Tag auf den anderen ausgezogen. Bevor ich wusste, dass ich Jude, also genau gesagt, Halbjude bin, ging es mir gut, aber jetzt kamen die ganzen Jungs von der HJ, verprügelten mich, klauten mein Spielzeug und sogar mein neues Fahrrad, das ich zum Geburtstag bekommen hatte.

Ich bin aufs Kaiser-Wilhelm-Gymnasium gegangen und war ein guter Schüler. Gut erinnere ich mich an einen Tag im Jahr 1938, als ich mit der Straßenbahn in die Schule fuhr und ganz viele Geschäfte zerstört waren. Stoffe, Kleider, Schuhe, Spielzeug, Möbel, alles Mögliche lag auf der Straße herum und die Bewohner der Straße stritten sich um das ganze Zeug. Überall an den Wänden waren Parolen wie "Juden raus" oder "Jude verrecke" gepinselt und die ganze Straße war mit Glassplittern von zerbrochenen Fensterscheiben übersät. Ich sah Herrn Goldschmidt, den Inhaber des größten Möbelladens in unserem Stadtteil, er stand da blutend und mit ausgeschlagenen Zähnen, daneben seine Frau, die weinte.

Ich verstand gar nichts und war nur empört. Die meisten meiner Lehrer waren auch entsetzt, doch einige, die fanden das richtig. Es dauerte auch nicht lange, da musste ich zum Direktor. Der war ziemlich zerknirscht, aber er musste mir leider sagen, dass ich die Schule nicht mehr besuchen durfte. Ich habe das gar nicht verstanden, denn ich war bei den Klassenbesten, aber Juden durften nicht mehr eine deutsche Schule besuchen. Aus der Tanzschule hatten sie mich auch schon rausgeworfen, ich wollte doch nur tanzen lernen, das taten doch alle. Wie wird das bloß weitergehen?


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