Hintergrundbild Epoche

Adele reist nach Palästina


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Dieses Bild ist schon etwas älter, jetzt habe ich keine Zöpfe mehr, aber ich musste alle meine Bilder zurücklassen.

Endlich hat es Vater begriffen, meint Mutter. Es wird von Tag zu Tag gefährlicher für uns Juden, in Deutschland zu leben. Meine Mutter hat das schon 1933 gesagt, aber mein Vater wollte Deutschland nicht verlassen. Das ist doch das Land seiner Väter, meint er und er habe hier einen guten Beruf und könne seine Patienten nicht im Stich lassen. Mein Vater ist Kinderarzt hier an der Klinik. Aber mittlerweile darf er gar nicht mehr arbeiten und sitzt nur trübsinnig herum. Gut, was soll er auch tun, er hat ja sonst nichts gelernt.

Wir gehen nach Palästina. Das ist ziemlich weit weg. Meine Mutter wollte da schon immer hin, doch viele haben gemeint, dass es schon nicht so schlimm kommen würde. Aber es kam so schlimm. Viele fürchten jetzt um ihr Leben, meine Eltern auch, doch noch mehr fürchten sie um mein Leben. Deshalb soll ich auch schon vorausreisen, sie würden dann nachkommen, meinen sie. Doch was soll ich da alleine überhaupt? Alle meine Freundinnen sind doch hier, sie sind alle Deutsche wie ich auch. Wir sind hier geboren, wir sprechen Deutsch. Ich kann zwar auch ein bisschen Latein, aber ob die in Palästina Latein sprechen? Ich glaube eher nicht. Meine Eltern dürfen nicht mit, weil sie kein Visum bekommen haben und ohne Visum darf keiner einreisen. Sie wollen nicht so viele neue Juden dort haben.

Wenn wir mehr Geld hätten, wäre das kein so großes Problem, wer Geld hat, darf einreisen, aber Vater verdient ja nichts mehr. Hier haben wir ein großes Haus und einen schönen Garten, aber wir dürfen ja als Juden kein Geld ins Ausland mitnehmen, das bekommen ja alles die Nazis, sagt meine Mutter. Oh wie oft haben sie sich gestritten, weil Vater so stur gewesen ist. Er sagte immer, wir leben im Land Goethes, im Land der Dichter und Denker! Und Mutter meinte immer, dass uns die Dichter und Denker auch nicht schützen würden und wir bald genauso tot wären wie die alten Dichter, wenn wir nicht gehen. Am Anfang stand ich ja eher auf Vaters Seite, aber jetzt habe ich gesehen, wie sie im November die Synagoge bei uns im Ort angezündet haben. Alle Nachbarn standen daneben, keiner hat geholfen, als die braun en Scharen durch den Ort zogen und wie wild brüllten und alles kurz und klein geschlagen haben.

Mein Koffer ist schon gepackt. Der Zug soll über Salzburg nach Italien gehen, in eine Stadt, die Triest heißt. Von dort geht es mit dem Schiff dann weiter in eine Hafenstadt, die Tel Aviv heißt. Nur einen einzigen Koffer darf ich mitnehmen, aber ich habe meine Geige noch im Gepäck, dann kann ich spielen, wenn ich mal ganz traurig bin. Dort soll ich dann in ein so genanntes Kinderdorf kommen. Was mich da wohl erwartet?


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