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Hintergrundbild Epoche

Beispiele für die Neue Sachlichkeit in der Literatur


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Hans Fallada auf einer Briefmarke
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Erich Kästners Porträt an einem Haus in der so genannten "Kästner-Passage" in der Dresdner Neustadt
2
Kurt Tucholsky auf einer Briefmarke vom März 1990
3
Kurt Tucholsky: Der Brötchentanz. In: Das Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung Nr. 591, vom Dienstag 15. Dezember 1925

Ein Mann will nach oben

Hans Falladas "Ein Mann will nach oben" ist typisch für die Neue Sachlichkeit. Die erste Begegnung zwischen dem 16-jährigen Karl und dem Berliner Mädchen Rieke findet im Zug nach Berlin statt:
Der Zug fing kräftig zu bimmeln an, und eilig nahm Karl Siebrecht die Uhr wieder aus der Tasche. Sie fuhren jetzt über die Wegkreuzung kurz vor dem Dorfe Priestitz, gleich würden sie in Priestitz halten, und er konnte die Uhr stellen. Er war so beschäftigt damit, daß ihn erst eine scheltende, helle Stimme an eine andere Pflicht erinnern mußte.
"Na, du langer Laban!" schalt die helle Stimme unter einem kaputzenförmigen Hut hervor. "Siehste nich, det ick mir mit die Reisekörbe eenen Bruch heben tue?! Kiek nich und faß lieber an!"
Rasch griff Karl zu und zog den schweren Korb in den Wagen. "Entschuldigen Sie nur", sagte er eilig. "Ich dachte –"
"Dachte sind keene Lichte! Hier, faß noch mal an – hau ruck! Siehste, den hätten wa … So, und nu nimmste Tilda'n hoch!" Und zu dem plärrenden Kind: "Weene nich, Tilda! Dwer Mann tut dir nischt – er is ja gar keen Mann, er is bloß dußlig, und dußlig is er, weil er nie aus seinem Kuhkaff rausjekommen is! Na, und nu jib mir ooch mal die Hand, du Kavalier – Hau ruck! Diese verfluchten Kleedagen!"
(zitiert nach: Hans Fallada. Ein Mann will nach oben. Aufbau Verlag Berlin 2011)

Sachliche Romanze

Ein Gedicht von Erich Kästner heißt "Sachliche Romanze". Es stammt aus dem Jahr 1928. Gerade weil das Thema sehr gefühlsbetont ist, fällt die entgegengesetzt sachliche und distanzierte Sprache auf:

Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Angestellte

Von Kurt Tucholsky stammt das 1926 veröffentlichte Gedicht "Angestellte", das der Gebrauchslyrik zuzuordnen ist:
Angestellte
Auf jeden Drehsitz im Büro
da warten hundert Leute;
man nimmt, was kommt – nur irgendwo
und heute, heute, heute.
Drin schuften sie
wies liebe Vieh,
sie hörn vom Chef die Schritte.
Und murren sie, so höhnt er sie:
»Wenns Ihnen nicht passt – bitte!«

Mensch, duck dich. Muck dich nicht zu laut!
Sie zahln dich nicht zum Spaße!
Halts Maul – sonst wirst du abgebaut,
dann liegst du auf der Straße.
Acht Stunden nur?
Was ist die Uhr?
Das ist bei uns so Sitte:
Mach bis um zehne Inventur . . .
»Wenns Ihnen nicht passt – bitte!«

Durch eure Schuld.
Ihr habt euch nie
geeint und nie vereinigt.
Durch Jammern wird die Industrie und Börse nicht gereinigt.
Doch tut ihr was,
dann wirds auch was.
Und ists soweit,
dann kommt die Zeit,
wo ihr mit heftigem Tritte
und ungeahnter Schnelligkeit
herauswerft eure Obrigkeit:
»Wenns Ihnen nicht passt –: bitte!«
Kurt Tucholsky (alias Theobald Tiger) – In: Die Weltbühne. – 1926-01-26.


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