Warum betrifft das auch Menschen mit Migrationsgeschichte?
Warum sollen sich auch Kinder und Jugendliche mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, deren Eltern oder Großeltern damals gar nicht in Deutschland gelebt haben?
Diese Frage ist verständlich. Vielleicht kommt deine Familie aus der Türkei, aus Syrien, aus Polen, aus Italien, aus der Ukraine, aus Afghanistan, aus Marokko oder aus einem ganz anderen Land. Vielleicht denkst du: Was hat diese deutsche Geschichte mit mir zu tun?
Die wichtigste Antwort lautet: Es geht nicht um Schuld. Es geht um Erinnerung, Verantwortung und Demokratie.
Kinder und Jugendliche von heute sind nicht schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten. Das gilt für alle: für Kinder mit deutscher Familiengeschichte genauso wie für Kinder mit Migrationsgeschichte. Schuld hatten die Täterinnen und Täter damals.
Aber wer heute in Deutschland lebt, lebt in einer Gesellschaft, die stark von dieser Geschichte geprägt ist. Deshalb geht die Erinnerung an den Nationalsozialismus alle an.
Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung
Niemand kann etwas dafür, wo er geboren wurde oder woher die eigene Familie kommt. Und niemand trägt Schuld für Taten, die vor der eigenen Geburt geschehen sind.
Trotzdem können wir Verantwortung übernehmen. Verantwortung bedeutet: Wir schauen hin. Wir lernen, was passiert ist. Wir fragen, wie eine Demokratie zerstört werden konnte. Und wir überlegen, was wir heute tun können, damit Menschen nicht wieder ausgegrenzt, verfolgt oder bedroht werden.
Beim Thema Nationalsozialismus geht es also nicht darum, heutigen Kindern Schuld zu geben. Es geht darum, aus der Geschichte zu lernen.
Warum ich?
Auch wenn die eigene Familie damals nicht in Deutschland gelebt hat, ist das Wissen darüber wichtig. Denn Antisemitismus gibt es auch heute noch. Jüdinnen und Juden werden bis heute bedroht, beleidigt oder angegriffen. Wer über den Holocaust lernt, kann besser verstehen, warum Antisemitismus so gefährlich ist und warum man ihm widersprechen muss.
Der Nationalsozialismus war nicht nur deutsche Geschichte
Der Nationalsozialismus begann in Deutschland. Aber seine Folgen betrafen viele Länder und sehr viele Menschen.
Deutschland überfiel andere Staaten. Der Zweite Weltkrieg brachte Zerstörung über Europa und viele Teile der Welt. Millionen Menschen wurden verschleppt, zur Arbeit gezwungen, verfolgt oder ermordet.
Zu den Opfern gehörten Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner, Homosexuelle, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie viele Menschen aus den von Deutschland besetzten Ländern.
Das bedeutet: Der Nationalsozialismus ist zwar ein zentraler Teil der deutschen Geschichte. Aber er ist auch Teil der europäischen und weltweiten Geschichte.
Was hat das mit Migration zu tun?
Deutschland ist heute eine Einwanderungsgesellschaft. Viele Menschen, die hier leben, haben Familiengeschichten, die über Deutschland hinausreichen.
Das verändert auch die Frage, wie wir über Geschichte sprechen. Nicht alle Familien erzählen dieselben Erinnerungen. Manche Familien haben eigene Erfahrungen mit Krieg, Flucht, Kolonialismus, Diktatur, Rassismus oder Verfolgung gemacht.
Gerade deshalb kann die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus wichtig sein. Sie hilft, über gemeinsame Fragen nachzudenken:
- Wie entsteht Ausgrenzung?
- Wie funktioniert Propaganda?
- Warum werden Minderheiten zu Feinden erklärt?
- Warum machen manche Menschen mit?
- Warum schweigen andere?
- Und was kann man dagegen tun?
Diese Fragen betreffen nicht nur Menschen ohne Migrationsgeschichte. Sie betreffen alle.
Warum ist der Holocaust auch für Menschen mit Migrationsgeschichte wichtig?
Der Holocaust war die systematische Ermordung von etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten. Dieses Verbrechen ist ein besonderer Teil der Geschichte. Es zeigt, wohin Antisemitismus, Rassismus und staatliche Gewalt führen können.
Warum ist das Grundgesetz wichtig?
Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde in Deutschland eine neue demokratische Ordnung aufgebaut. Im Grundgesetz steht ganz am Anfang:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Dieser Satz ist auch eine Antwort auf die Verbrechen des Nationalsozialismus.
Er bedeutet: Jeder Mensch hat den gleichen Wert. Nicht wegen seiner Herkunft. Nicht wegen seiner Religion. Nicht wegen seiner Hautfarbe. Nicht wegen seiner Sprache. Sondern einfach, weil er ein Mensch ist.
Genau deshalb betrifft die Geschichte des Nationalsozialismus alle Menschen, die heute in Deutschland leben.
Was hat das mit Rassismus heute zu tun?
Die Nationalsozialisten teilten Menschen in angeblich „wertvoll“ und „minderwertig“ ein. Sie behaupteten, manche Menschen gehörten dazu und andere nicht.
Heute wissen wir: Diese Vorstellung war falsch und menschenverachtend.
Aber Rassismus ist nicht verschwunden. Auch heute werden Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Herkunft, Religion, Sprache, ihres Namens oder ihres Aussehens benachteiligt oder angegriffen.
Deshalb ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus auch für eine vielfältige Gesellschaft wichtig. Sie zeigt, wie gefährlich es ist, Menschen abzuwerten und auszugrenzen.
Wer heute hier lebt, gehört zur Gesellschaft
Manche Kinder mit Migrationsgeschichte hören vielleicht: „Das ist deutsche Geschichte, das hat mit dir nichts zu tun.“
Aber wer heute in Deutschland lebt, ist Teil dieser Gesellschaft. Und zu einer Gesellschaft gehört auch ihre Geschichte.
Das heißt nicht, dass alle dieselbe Familiengeschichte haben. Aber alle leben heute in derselben Demokratie. Alle haben Rechte. Alle sollen geschützt werden. Und alle können dazu beitragen, dass diese Demokratie stark bleibt.
Die Erinnerung an den Nationalsozialismus ist deshalb keine Frage der Herkunft. Sie ist eine gemeinsame Aufgabe.

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